02.07.2019 Appell für Mut statt Hierarchie

„Lebenslanges Lernen“ beim Diakonie Jahresempfang

Rund 60 Gäste aus Gesellschaft, Politik, Sozialem und Kirche hat die Diakonie Hochfranken zu ihrem Jahresempfang begrüßt. Erstmals fand er im Haus Ponte am Bahnhofsplatz 1 statt, einem historischen Gebäude, das früher als Hotel und lange Jahre als Pflegeheim gedient hatte. Heute beherbergt es verschiedene diakonische Wohnangebote für vorwiegend junge Menschen und Familien.
Neben ihren sozialen Diensten und Einrichtungen ist die Diakonie Hochfranken auch in der schulischen Bildung, Berufsausbildung sowie Fort- und Weiterbildung aktiv. Erst in diesem Jahr wurde die Hochfranken-Akademie mit einem für jeden offenen Angebot ins Leben gerufen.
Insofern war es folgerichtig, dass das Motto dieses Jahresempfangs „Lebenslanges Lernen“ lautete.
Als Hauptredner zog Prof. Dr. Gerald Schmola von der Hochschule Hof einen weiten Bogen von den Arten des Lernens über kollektives Lernen und gesellschaftliche Verantwortung bis hin zu Philosophie und Digitalisierung. Lernen heute bedeute und erfordere auch, sich mit neuen Kulturen vertraut zu machen, verantwortungsbewusster mit der Umwelt umgehen und aktiv nach Wissen zu suchen, um selbstbestimmte, aufgeklärte Entscheidungen zu treffen. Daher plane die Hochschule gemeinsam mit der Diakonie einen Bürgertag zu etablieren. Der erste soll im November stattfinden und sich mit Organspende befassen. Das Motto: „Wissen schafft
Entscheidung“.
Und nicht nur der Einzelne, auch Unternehmen müssten hinzulernen. „Agilität und starre hierarchische Strukturen, bei den sich die Entscheidungskompetenz je weiter unten man im Organigramm angesiedelt ist, immer weiter einengen, passen nicht zusammen“, sagte Schmola. „Unternehmen müssen neue Führungsstrukturen implementieren, Führungskräfte sich künftig eher als Unterstützer denn als Befehlsgeber verstehen“.
Die Politik müsse vor allem drei Dinge lernen: Einen professionellen Umgang mit den sozialen Medien. Zweitens wieder mehr auf den Punkt zu kommen und Entscheidungen zu treffen – und zwar ohne populistische Aussagen. Und drittens brauche es wieder mehr Vorbilder, die als Zugpferde agieren, und zwar im positiven Sinne.
Für das Lernen im Alter, wünscht Schmola, sollen strukturierte Fördermöglichkeiten entwickelt werden und die Qualität gesichert werden. Es helfe wenig, wenn Fort- und Weiterbildung sowie die Bildung von Senioren auf einem seichten Niveau mit kaum Mehrwert stattfinde. Abschließend ermunterte er die Gäste, viel zu lesen, von anderen Menschen zu lernen, den Mut aufzubringen, sich etwas erklären zu lassen und möglichst viel auszuprobieren. „Haben Sie den Mut, auch einmal zu scheitern. Informieren Sie sich über den Tellerrand hinaus, dann lernen Sie nicht nur Wissen, sondern auch eine Menge über sich selbst“, so der Gastredner.

Der Geschäftsführer der Diakonie Hochfranken, Martin Abt, erklärte, weshalb die Pflegeversicherung fast 25 Jahre nach ihrer Einführung einer grundlegenden Reform bedürfe: weg von den pauschalen Zuschüssen hin zu einer Pflegevollversicherung mit Eigenbeteiligung. Der Eigenanteil für einen Heimplatz steige laufend, denn bislang seien die Leistungen der Pflegeversicherung festgelegte Pauschalen, die nicht anteilig mit Lohnsteigerungen, Lebenshaltungskosten und Indizes mitwüchsen.
Auch direkt vor Ort gebe es Veränderungen: „War vor zehn Jahren der Umgang mit Demenzkranken die große Herausforderung, so ist das inzwischen nichts außergewöhnliches mehr. Heute steht vielmehr oft die Versorgung und Begleitung von stark Pflegebedürftigen und Schwerkranken am Ende des Lebens im Vordergrund“. Abt stellte vier Projekte der Diakonie Hochfranken vor, darunter das neue Hospizzimmer im Haus Saalepark und ein neues Beratungsangebot für die gesundheitliche Vorsorgeplanung am Lebensende.
Auch seine Geschäftsführungskollegin Manuela Bierbaum warf Blitzlichter auf neue Entwicklungen in ihren Arbeitsbereichen, wie das Projekt TAFF, die Kita in Helmbrechts oder der Neubau für eine Jugendhilfe-Wohngruppe in Rehau. Doch neben dem Sozialen beschäftigen die Diakonie auch der Umgang mit der Schöpfung und die Frage ökologischer Nachhaltigkeit.  
„Was tun wir als Unternehmen dafür, dass wir noch lange auf unserem Planeten gut leben können? Also nicht nur wir, sondern auch nachfolgende Generationen?“, frage man sich. Und Manuela Bierbaum hat erste Antworten geliefert: „Wir glauben, dass es im Kleinen anfangen muss. Sei es konsequente Mülltrennung, das Einrichten von Blühwiesen am Marienberg und am Campus, das Bepflanzen von Hochbeeten mit unseren Kindern und Jugendlichen oder die Beschäftigung mit der Frage, woher unsere Lieferanten ihre Produkte beziehen“.

Die Geschäftsführung dankte den Mitarbeitenden, die sich über das Maß engagierten und Lust darauf haben, neue Dinge zu entwickeln und auszuprobieren. „Diese Menschen sind unser größtes Pfund“, so Manuela Bierbaum.
In seinem geistlichen Impuls richtete auch der Aufsichtsratsvorsitzenden der Diakonie Hochfranken, Dekan Günter Saalfrank, den Blick auf das Lernen. Es finde sich bereits in der Bibel. Doch geht es dort „nicht um bestimmte Fähigkeiten, Fertigkeiten oder Kenntnisse, sondern um Haltungen und Einstellungen. Sie sind nicht ein für allemal da, sondern müssen eingeübt werden. Und das ein Leben lang“. Er nannte  Beispiele für diese Art des Lernens, wie etwa die Forderung des Propheten Jesaja „Lernet Gutes tun". „Wer Gutes tut, hat nicht in erster Linie sich selbst im Blick. Menschen, die Gutes tun, denken insbesondere an andere. Und sie sehen nicht sich, ihren Ort oder ihr Land als Mittelpunkt der Welt“, stellte Günter Saalfrank fest. Er ärgere sich darüber, dass Menschen, die für andere da sind und sich für sie engagieren, manchmal als „Gutmenschen“ diskreditiert werden. Dabei würde es ohne ihr Wirken in der Gesellschaft anders ausschauen und vieles an Mitmenschlichkeit auf der Strecke bleiben.

Hier kommen Sie zur Bildergalerie.