22.11.2019 Muss man darüber wirklich nachdenken?

Organspende – leichter zur eigenen Position finden

Um eine geklärte eigene Position zur Organspende ging es beim Bürgertag Organspende. Oftmals ist die Wirkung von Veranstaltungen schwer zu belegen, in dem Fall zeigten aber mehrere digitale Live-Umfragen, wie sich der Erkenntnisstand und die Haltung im Laufe des Abends entwickelt hatten. Mithilfe der Funkabstimmung wurde die Info-Veranstaltung zum interaktiven Event.Die Fort- und Weiterbildung der Diakonie Hochfranken und die Hochschule Hof hatten Fachleute aus unterschiedlichen Gebieten eingeladen, die die Gäste auf den Weg zu einer tragfähigen persönlichen Entscheidung führten.

„Es gibt kein richtig oder falsch, aber jeder sollte sich Gedanken machen“, erklärte Dr. med. Rainer Krauß, Oberarzt und Transplantationsbeauftragter der Herzchirurgie im Klinikum Bayreuth. Er vermittelte medizinisches Grundlagenwissen, etwa zur Diagnose Hirntod. Krauß beschrieb, welche Untersuchungen durchgeführt werden, um den Hirntod festzustellen. Und dieser ist unumkehrbar – ein wichtiger Punkt, der vielen unbekannt sei.
„Wir tun uns schwer mit dem Thema, denn wir wollen uns eigentlich nicht mit dem eigenen Tod beschäftigen. Aber für die Angehörigen ist es erheblich schwieriger, wenn sie dann gefragt sind. Also sollte man sich lieber mal in einer ruhigen Minute hinsetzen und überlegen, wie man dazu steht - und das hinterlegen, oder Angehörige informieren“, appellierte der Mediziner.

Demgegenüber stand die Fragestellung von Carsten Wild, Richter am Amtsgericht Hof:
„Muss ich mich damit wirklich auseinandersetzen? Und darf der Staat jemanden zwingen, sich mit dem Thema zu beschäftigen?“ Wild bezweifelte, dass es dann mehr Organspenden gebe.
Der Jurist betrachtete auch die Empfänger-Seite und bemängelte, dass es keinen Rechtsweg in dem Gesetz gebe, keinen Weg auf „die Liste“ zu kommen.
„Die Warteliste, das ist ein Buch mit sieben Siegeln. Es gehört in staatliche Hand mit klaren Regelungen, staatlich überwacht und durch Rechtsmittel angreifbar“, forderte er.  
Prof. Dr. theol. Bernhard Bleyer von der Fakultät Gesundheitswissenschaften der Technischen Hochschule Deggendorf beleuchtete ethische Fragestellungen, etwa die, was unter Selbstbestimmung eines potenziellen Spenders zu verstehen sei. Denn: Weiß dieser überhaupt genau, in was er einwilligt? Studien zeugen von einem mäßigem Wissenstand, auch über die intensivmedizinische Versorgung der Spender. Haben diese eigentlich in alle Maßnahmen eingewilligt, die medizinisch notwendig sind, um die Organspende einzuleiten?
Diskrepanzen zeigten sich auch, wenn man die Bevölkerung fragt, erläuterte Prof. Dr. Dietmar Wolff: „84 Prozent stehen der Organspende positiv gegenüber, aber nur  56 Prozent haben eine Entscheidung getroffen“.

Das erste Publikums-Voting vor Ort ergab folgende Einstellungen:
51 Prozent würden selbst Organe spenden, 11 % eher ja, 17 % unentschieden, 20 % lehnten ab.
Am Ende der Veranstaltung war der Anteil der Unentschiedenen deutlich geschrumpft (auf 6 %). Einige hatten sich in Richtung Organspende bewegt, ein kleiner Teil auch in Richtung nicht zu spenden.
Eine Befragung machte auch deutlich, dass etwa der Hälfte auch unklar ist, wie die entsprechenden Entscheidungen ihrer der nahen Angehörigen aussehen.
„Das Thema ist noch nicht so in der Öffentlichkeit angekommen, wie es nötig wäre“, stellte OB Dr. Harald Fichtner fest. Daher begrüßte er das Forum, das Diakonie und Hochschule mit dem Bürgertag geschaffen hatten.
In der Diskussion von solch existenziellen Themen seien Politik, Medizin, Juristen, die Kirche und jeder Einzelne gefragt, hielt Manuela Bierbaum, Geschäftsführerin der Diakonie Hochfranken, fest. Die Soziologin befand: Jeder habe eine Verantwortung, die über sein eigenes Leben hinausgehe – und dazu gehöre es, diese Fragen für sich selbst zu beantworten.

In der Runde trafen die drei Referenten auf Prof. Dr. Lehmann, Präsident der Hochschule Hof, Wolfgang Hofmann, Direktionsleitung AOK Hof sowie Dekan Günter Saalfrank. In einer lebendigen Diskussion meldeten sich auch selbst Betroffene zu Wort. Es ging um die Hoffnungen und Gefühle der Empfänger und weiter um die Frage, wie man Abschied nehmen kann von einem Menschen, dessen Gehirntod festgestellt wurde, dessen Herz aber noch schlägt, weil der Körper beatmet wird. Für einen gelingenden Abschied vor dem Eingriff am Spender sei es wichtig, die Angehörigen gut einzubeziehen. Dieses Abschiednehmen vor der Operation werde auch von geschultem Personal begleitet.

Das Fazit zum Bürgertag lieferte wiederum eine Live-Abstimmung: Wissen-schaf(f)t Entscheidungen habe bei ihnen Wissen geschaffen, sagten 96 Prozent der Anwesenden.